False-Hope-Syndrom : Es könnte sein, dass du am False-Hope-Syndrom leidest
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Du nimmst dir oft viel vor, schaffst es aber nicht, deine Ziele in die Tat umzusetzen? Dann kann es sein, dass du am False-Hope-Syndrom leidest.
"Die Hoffnung stirbt zuletzt", lautet ein altbekanntes Sprichwort. Aber ist das eine gute Sache? Hoffnung beschreibt den Glauben an die Möglichkeit eines zukünftigen positiven Ergebnisses und den Wunsch danach. Hoffnung löst normalerweise ein positives, vielleicht auch optimistisches Gefühl in uns aus. Manchmal passiert es jedoch, dass der Glaube an das Mögliche im Widerspruch zur Realität steht – und so unrealistische Erwartungen weckt.
Das steckt hinter dem False-Hope-SyndromDie Wissenschaftler:innen Polivy und Herman beschreiben in ihrem Konzept des "False Hope Syndrome" (2002), dass überzogene Erwartungen, die wir an uns selbst stellen, häufig zu wiederholten Misserfolgen führen können. Das funktioniert so: Zunächst erlangen wir ein Gefühl von Optimismus und Kontrolle, wenn wir unsere Ziele feststecken und auf sie zusteuern. Pläne zu schmieden, macht Spaß, und wenn wir uns schon die Früchte davontragen sehen, kann das regelrechte Hochgefühle auslösen. Da unsere Bemühungen jedoch sehr oft auf dem Fundament unrealistischer Erwartungen aufgebaut sind, dauert es nicht lange, bis wir in Bedrängnis geraten und schließlich scheitern.
Oft liegt es daran, dass die Ziele, die wir uns stecken, schlicht unrealistisch im Hinblick auf die Geschwindigkeit, den Umfang und die Leichtigkeit der Umsetzung sind. Nachhaltige Erfolge erreicht niemand über Nacht, auch wenn uns Werbung und Co. teils etwas anderes suggerieren mögen. Wiederholtes Scheitern kann dann zu einer Spirale aus Frust, Selbstzweifeln und Versagensängsten führen. Zudem kann sich die Verzerrung, die das False-Hope-Syndrom mitbringt, in unser Unterbewusstsein einschleichen und uns in einem Kreislauf aus Handeln und Scheitern gefangen halten.
Aus dem Strudel der falschen Hoffnung auszubrechen, ist gar nicht so leicht, aber möglich. Am wichtigsten ist dabei wohl, sich statt riesengroßen Zielen eher Mikro-Ziele zu setzen. Das hilft, am Ball zu bleiben und nicht die Motivation zu verlieren. Die kleinen Erfolge dürfen dann ruhig gefeiert werden!
Eine kapitalistische Erfindung?Das neue Diätprogramm, welches dir deinen Traumkörper in nur vier Wochen verspricht. Der Sprachkurs, mit dem du in nur sechs Monaten wie eine Muttersprachlerin klingen solltest, oder der Pilates-Trend aus den USA, der angeblich die Bauchmuskeln in null Komma nichts wachsen lässt? Wir werden in einer Gesellschaft groß, die das Syndrom der falschen Hoffnung bewusst nutzt, um unsere Kaufentscheidungen zu beeinflussen und uns davon zu überzeugen versucht, dass wir unbedingt Konsumgut XY brauchen, um unseren Zielen näherzukommen – und endlich richtig glücklich zu sein.
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Du möchtest wissen, wie du besser mit Stress-Situationen umgehen kannst? Du suchst nach Routinen, die dich beim Abschalten unterstützen? Du möchtest endlich mal wieder gut ein- bzw. durchschlafen? Diese und weitere Fragen beantworten wir in unserem PDF-Dossier.
In ihrem Buch "Happycracy" (2019), was übersetzt so viel wie "Gesellschaft des Glücksbefehls" bedeutet, argumentieren die Soziologin Eva Illouz und der Psychologe Edgar Cabanas, dass unsere kapitalistische Gesellschaft diese Dynamik gezielt nutzt. Der Leitsatz lautet: "Kauf es – und du wirst glücklich sein." Selbstoptimierung gehört in einem System, das Leistung und Effizienz glorifiziert, fast schon zur Pflicht. Dabei werden Glück und Erfolg so dargestellt, als längen sie zu 100 Prozent in unserer persönlichen Verantwortungen. Wenn eine Person scheitert, dann hat sie sich wohl nicht genug bemüht, hat zu schnell aufgegeben, war nicht ehrgeizig genug ...
Dabei stehen leider nicht allen Menschen exakt die gleichen Ressourcen zur Verfügung. Es macht beispielsweise einen Unterschied, ob ich mir einen Sprachkurs leisten kann oder eine neue Sprache alleine zu Hause lerne, und ob ich überhaupt die Zeit dafür finde. Eine alleinerziehende Mutter, die es zwischen Care-Arbeit und Lohnarbeit kaum schafft, mal durchzuatmen, wird wohl nicht auf die Idee kommen, einen solchen Kurs zu buchen. Eine Person kann also auch Opfer sozialer Ungleichheiten sein. Indem die Verantwortung aber in die Hände des oder der Einzelnen gelegt wird, wird auch von strukturellen Problemen abgelenkt. Wenn wir uns vom False-Hope-Syndrom befreien wollen, könnten wir zunächst versuchen, den Selbstoptimierungswahn zu hinterfragen. Denn der macht mit Sicherheit nicht glücklich.
eke Brigitte
brigitte